Systemische Beratung- Grundhaltungen

Systemische Berater zeichnen sich durch ihre systemische Haltung aus, einem spezifischen Blick auf die Welt. Die Überzeugung, dass unsere Einschätzung einer Situation immer nur eine von vielen möglichen Perspektiven ist, ist ein Kernmerkmal der systemischen Haltung. Der systemischen Haltung wird im Beratungsprozess dabei eine herausragende Rolle zugeschrieben. Dabei gilt der Grundsatzung: „Haltung schlägt Tool!“: Ein noch so ausgefeilter methodischer Ansatz mit einer ansprechenden Visualisierung wirkt nicht, wenn dieser nicht in Einklang mit der Haltung des Beraters ist.

Systemische Beratung - Auflösung im Download

Systemische Beratung – Auflösung im Download

Zielsetzung Systemische Beratung

Anspruch der systemischen Beratung ist es, Menschen oder Organisationen bei nachhaltigen Lern- und Erneuerungsprozessen zu begleiten und somit neue Handlungs- und Denkmuster zu ermöglichen. Dabei hat es sich als hilfreich erwiesen mit einer passenden inneren Einstellung ans Werk zu gehen: der systemischen Haltung. Diese geht von einer Reihe von Prinzipien aus, die weiter unten beschrieben sind. Um immer wieder einen erfrischend neuen Blick auf die Situation zu ermöglichen, ist es notwendig, dass der Trainer/Berater/Coach immer wieder auch seine eigenen Gedanken und Einstellungen, seine Haltung reflektiert.

Wirkungsweise

Während andere Beratungs-/Therapieansätze beim Umgang mit einem potenziellen Problem die einzelne Person mit Ihren Gedanken, Emotionen und Verhalten in den Blick nehmen, tritt die systemische Beratung einen Schritt zurück und betrachtet das Individuum und den Kontext (System) in dem es sich aufhält. Es geht also weniger darum die einzelne Person „zu verändern“ sondern nach alternativen Kommunikations- und Interaktionsmustern zwischen Menschen (=Elemente des Systems) zu suchen. Da alles mit allem zusammenhängt, haben Interventionen an einer Stelle im System Auswirkung auch auf andere Bereiche (Mobileeffekt). Dabei wird überlegt, wo die „Hebelwirkung“ im System am größten ist. Wo Energie vorhanden ist, ist ein guter Ansatzpunkt. Neben diesen Aspekten spielen zudem folgende weitere Prinzipien/Begriffe für die systemische Haltung eine große Rolle:

Muster:

(Interaktions-) Muster, die wiederholt werden, sind wohl die wichtigsten Merkmale von Systemen. So könnte in einem Team das Muster auftreten, dass wichtige Entscheidungen immer wieder vertagt  werden oder Konflikte nicht offen angesprochen werden. Ein hilfreiches Bild ist hier das einer Ameisenkolonie die sich ständig im Kreis bewegt, da jeder dem Vordermann hinterherläuft. Ziel der systemischen Beratung ist es diese Muster mithilfe geeigneter Interventionen zu unterbrechen, es geht darum, etwas „anders“ zu machen (nicht „mehr vom selben“). Im Bild der Ameisenkolonie wäre eine Intervention, beispielsweise eine Unterbrechung des Kreises mit einem Fuß, so dass die Kolonie sich einen neuen Weg sucht.

Sinnhaftigkeit:

Wir gehen davon aus, dass jedes Verhalten aus der entsprechenden Perspektive betrachten einen bestimmten Sinn ergibt. Das heißt auch bisherige scheinbar erfolglose Lösungsansätze des Kunden/Kienten gilt es wertzuschätzen und das darin enthaltene Potenzial sichtbar zu machen.

Ressourcenorientierung:

Statt ständig nur um das Problem und die eigenen Schwächen zu kreisen, nehmen wir insbesondere auch die Ressourcen, Möglichkeiten, zukünftige Handlungsoptionen einzelner Personen, Teams oder Organisationen in den Blick. Was läuft richtig gut? Wo gibt es Erfolge? Ziel ist es Handlungsoptionen zu erweitern und eingefahrene Denkschienen zu verlassen.

Autonomie:

Wir gehen davon aus, dass es sich bei Organisationen/Systemen um „lebende Systeme/Organismen“ handelt, die nicht direkt durch Instruktion gesteuert werden können. Dieses Bild setzten wir der oft implizit verwendeten Metapher der Organisation als Maschine entgegen. Bei einer Maschine kann genau vorhergesagt werden, was passiert, wenn man einen bestimmten „Knopf drückt“ bei Menschen hingegen nicht.

Impulsgeber/Gärtner:

Eng verknüpft mit der Metapher einer Organisation als lebendiger Organismus ist die dazu passende Rolle des Beraters. Aufgrund der enormen Komplexität von Organisationen oder Teamstrukturen/-Interaktionen ist es nicht möglich von außen als schlauer, objektiver Experte die Situation zu analysieren und zu verändern. Vielmehr geht es darum hilfreiche Impulse zu geben, Lern- und Entwicklungsprozesse zu begleiten. Dies kann auch durch das Bild des Gärtners ausgedrückt werden: Dieser kann Strukturen legen, passende Rahmenbedingungen entwickeln, gießen, hegen und pflegen, damit die Eigenkräfte des Gartens mit seinen Pflanzen voll zu Entfaltung kommen.

Die oben beschriebenen Prinzipien stellen nur eine Auswahl dar, sie können jedoch die Richtung zeigen, in die die systemische Haltung weist.

Kommentar

Eine hilfreiche Unterscheidung ist die zwischen Persönlichkeit, Haltung und eingesetzte Tools/Werkzeuge eines systemischen Beraters. Bei der Persönlichkeit ist es die „Aufgabe“, die eigene Persönlichkeit zu erkennen und anzuerkennen. Änderungen hier sind hier nur in sehr begrenztem Umfang möglich, wohl eher durch eine langjährige Therapie oder aber auch einschneidende Lebensereignisse (wie Unfälle, Tod).

Die innere Haltung und Einstellung hingegen ist zu 100 Prozent veränderbar. Allerdings ist hierfür eine intensive Reflexion notwendig. Ist dieser Voraussetzung erfüllt, können alte Einstellungen abgelegt werden und ggf. neue hinzugenommen werden (beispielweise im Rahmen einer systemischen Ausbildung).

Bei den Tools, wie beispielweise dem Eisbergmodell, hingegen befinden wir uns auf der Arbeitsebene. Hier gilt es einfach handwerklich einen sauberen Job zu machen, dazu ist notwendig: üben, üben, üben.

Praxisbeispiel

Wie schnell unserer Vorannahmen bzw. unsere gewohnte Perspektive dazu führt, dass wir eine Situation auf eine bestimmte Art und Weise interpretieren, können Sie mithilfe der letzten beiden Folien im Download selbst erleben. Machen Sie den Selbsttest. Systemisches Denken würde sich dadurch kennzeichnen, dass wir „einen Schritt“ zurücktreten uns dadurch erkennen, dass unserer Perspektive nur eine von einer Vielzahl möglicher Perspektiven auf die Situation ist.

Eigene Übung

Systemisches oder mechanistisches Weltbild?

Versuchen Sie zu erraten, was das entsprechende Pendant für die jeweils fehlende Zelle ist!

Auflösung im Download.

  • Mechanistisches Weltbild
  • Objektivität
  • Richtig-Falsch
  • ?
  • Ursache-Wirkung (lineares Denken)
  • Formale Logik (widerspruchsfrei)
  • Harte Fakten, rationale Beziehungen
  • ?
  • Instruktion/Anordnung
  • Systemisches Weltbild
  • Viele subjektive „Wahrheiten“
  • ?
  • Selbststeuerung
  • ?
  • ?
  • ?
  • Impulsgeber
  • ?

Unser Tip

„Klassiker“ für eine Einführung in das systemische Denken:

  • Königswieser, R.; & Hillebrand, M. (2013). Enführung in die systemische Organisationsberatung. Carl-Auer Verlag.
  • Von Schlippe, A.; & Schweitzer, J. (2012). Lehrbuch systemische Therapie und Beratung I. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag