Kreativität und Teamspirit vs. Homeoffice

Homeoffice – Gekommen, um zu bleiben?

Kritik am Homeoffice: Leidet die Leistung?

Homeoffice und Produktivität: Passt das zusammen?

Gäbe es einen Kinofilm über die Arbeitswelt der letzten zwei Jahre, wäre höchstwahrscheinlich Homeoffice in roten Großbuchstaben auf dem Cover geschrieben. Die Arbeit in den eigenen vier Wänden anstatt im Großraumbüro hat nicht nur den Alltag vieler Arbeitnehmer:innen verändert, sondern prägt auch öffentliche Diskussionen. Wie gelingt der professionelle Auftritt, wenn anstatt freundlichem Live-Handschütteln die Mimik auf Zoom gefragt ist? Was müssen Team-Chefs bei der Führung auf Distanz beachten? Die Beantwortung dieser Fragen scheint heute überflüssig, denn virtuelle Kaffeepausen und Zoom-Calls und sind längst etabliert. Allerdings hat sich mit dem Umgang mit technischen Arbeitstools auch der Diskurs um die Zukunft des digitalen Arbeitens weiterentwickelt. Nach erstem Crash-Test und Eingewöhnungsphase stehen inzwischen neue Fragen im Mittelpunkt: Wie sehr leidet der Teamspirit unter Virtualität? Ist die Herausbildungen einer Unternehmenskultur überhaupt möglich, wenn das Team über sechs deutsche und drei internationale Standorte verteilt ist? Kurz gesagt: Wie viel Homeoffice tut gut?

Kontroverse im Mittelstand

Arbeitnehmer:innen beantworten diese Frage sehr selbstbewusst: Das Homeoffice soll bleiben! Eine internationale Studie des Ifo-Instituts hat ergeben, dass die Mehrzahl an Mitarbeitenden das Zuhause-Büro dem Unternehmensbüro vorzieht. Die Meinung von Arbeitgeber:innen zeichnet ein anderes Bild gezeichnet. Im Schnitt wünschen sich Unternehmen nur circa 0,7 Tage Homeoffice von ihrer Belegschaft – deutlich weniger, als die andere Seite fordert. Inzwischen haben auch viele Unternehmen und CEOs ihre Meinung zum mobilen Arbeiten öffentlich geäußert. Wolfgang Grupp von Trigema zum Beispiel. Der Gründer ist der Überzeugung, Produktivität leide stark unter der Virtualität und er müsse sicherlich „50 Prozent mehr Leute einstellen“, um geschäftsfähig zu bleiben. Kann Grupps Aussage also als Indikator dafür gesehen werden, dass deutsche Mittelstandsunternehmen sich der Generation Homeoffice verschließen, während insbesondere „Big Player“ im DAX oder Dow Jones die Fortschrittlichkeit ihrer Konzerne auch auf die Arbeitsformen der Mitarbeitenden übertragen?

Kein Homeoffice im Silicon Valley

Nicht direkt. Das US-amerikanische Technologieunternehmen Apple gilt als Vorreiter in Sachen Digitalisierung, seitdem Steve Jobs 2007 ein kleines Kästchen mit Titel „iPhone“ in die Hände von Millionen Tech-Fans übergeben hat. Dementsprechend wäre es naheliegend, dass Apple-Mitarbeitende nicht nur vor Ort im Silicon Valley sitzen, sondern ihre MacBooks auch an anderen, globalen Standorten aufklappen. Dem ist allerdings nicht so – Apple-Teams haben inzwischen drei verpflichtende Bürotage pro Woche und der CEO Tim Cook hat sich bisher als kaum verhandlungsbereit gezeigt. Die Konsequenz? Kündigungen von Mitarbeitenden verschiedener Bereiche, sogar aus der Chefetage.

Wenn wir erneut auf die andere Seite des großes Sees blicken, zeigen sich Unternehmen kompromissbereiter. SAP, Daimler und Siemens halten das Homeoffice für eine bewärtes Arbeitsmodell und haben nicht vor, Schritte zurück zu gehen. Der Autohersteller Porsche erlaubt inzwischen sogar zwölf Homeofficetage pro Monat, also fast jeden zweiten Arbeitstag. Mit dieser Entscheidung kletterte das Unternehmen in einem aktuellen Arbeitgeberranking auf einen Spitzenplatz. Der internationale Vergleich zeigt: Manche befürworten es, manche akzeptieren es und manche wehren sich stringent dagegen. Unternehmen wie Porsche und Siemens sehen als positive Argumente vom Homeoffice beispielsweise:

1. Flexibilität und Work-Life-Balance

In der Mittagspause die Kids von der Schule abholen oder statt dem täglichen Bahnfahrt-Arbeitsweg einen kleinen Spaziergang um den Block einlegen? Im Homeoffice kein Problem. Selbstorganisation lässt sich in das Zuhause-Arbeiten besser integrieren und insbesondere für junge Generationen ist auch die Ortsunabhängigkeit entscheidend.

2. Produktivität

Dass die Kaffeepause manchmal länger dauert und Teammeetings in Diskussionen über das nächste Urlaubsziel oder den Hund zuhause ausufern, ist ein offenes Geheimnis. Virtuelle Besprechungen sind oft zielgerichteter, statt Small Talk ist konkretes Auf-den-Punkt-bringen gefragt. Die soziale Komponente muss dank virtuellen Kaffeepausen oder digitalen Feierabend-Drinks trotzdem nicht auf der Strecke bleiben.

3. Passende Arbeitskräfte finden

Für viele Bewerber:innen ist der Unternehmenssitz ein klares Ausschlusskriterium. Insbesondere mittelständische Unternehmen verpassen durch einen nicht-städtischen Firmencampus häufig die Chance auf passende Mitarbeitende, die den langen Arbeitsweg oder einen Umzug nicht in Kauf nehmen möchten. Wenn in der Stellenausschreibung direkt die Option auf Homeoffice aufgeführt ist und dieses Versprechen auch gehalten wird, öffnen sich neue Türen für das Recruiting.

4. Kosten reduzieren

Nicht nur Arbeitnehmer:innen sparen durch den Wegfall von Anreisekosten Geld – auch die Unternehmen können Sozialkosten oder auch Energiekosten reduzieren. Voraussetzung dafür ist natürlich: Arbeitgeber:innen unterstützen ihre Mitarbeitenden bei der Einrichtung ihres persönlichen Homeoffice.  

Kritische Argumente gegen Homeoffice und virtuelle Arbeit

Argumente weshalb sich z.B. Menschen wie Tim Cook und Wolfgang Grupp vor Homeoffice verschließen, sind unter anderem:

  • Der Teamspirit leidet. Kein morgendlicher Small Talk? Kein Flurfunk? Keine spontanen Team-Besprechungen? Digitale Kommunikation kann das Gemeinschaftsgefühl kaum ersetzen. So kann es auch sein, dass Mitarbeitende durch Virtualität die Mission ihrer Arbeitgeber:innen aus den Augen verlieren und dass sich ein „Job mit Bedeutung“ in „Arbeit nach Vorschrift“ verwandelt.
  • Kreatives Brainstorming? Fehlanzeige. Gemeinsames Ideenentwickeln ist mithilfe zahlreicher Online-Tools auch virtuell möglich, allerdings deutlich zeitintensiver und meistens nicht erkenntnisreicher. Kreativität entsteht häufig durch Kommunikation, besonders Methoden wie Design Thinking lassen sich online nur sehr schwer umsetzen. Das haptische Flipchart oder ein bisschen Bewegung im Raum kann oft Wunder bewirken.
  • Networking gestaltet sich zäh. Für echte, menschliche Connections braucht es mehr als einen Vernetzen-Klick auf LinkedIn. Firmenveranstaltungen und After-Work-Treffen bieten optimale Möglichkeiten, mit Mitarbeitenden aus anderen Fachbereichen ins Gespräch zu kommen und wertvolle Geschäftskontakte zu knüpfen. Zwar gibt es selbstverständlich auch virtuelle Networking-Events, nachhaltig im Kopf bleiben aber primär die Menschen, denen wir persönlich die Hand geschüttelt haben.
  • Die Herausforderung der digitalen Führung. Wer seine Mitarbeitenden regelmäßig auf dem Flur trifft, erinnert sich eher daran, ein Lob für die gute Arbeit bei dem letzten Projekt auszusprechen. Der Teams-Chat hingegen ist ein zuverlässiger Indikator für Missverständnisse – natürlich auch dank der Tendenz der Mitarbeitenden, das geschriebene Wort der Chefs auf die Goldwaage zu legen. Innerhalb der Führungsriege leidet also nicht nur die Mitarbeiterbindung unter Homeoffice, auch situationsbedingtes Agieren und Reagieren wird erschwert, wenn nicht mal eben an die Türe des Nachbarbüros geklopft werden kann, sondern ein Videocall vereinbart werden muss.

Digitale Führung: die nächsten Schritte

Ende 2022 ist das sogenannte „Digital Leadership“ kein Corona-Begriff mehr – flexibles Arbeiten und Homeoffice wird in den meisten Unternehmen auch in der Post-Pandemie zum Alltag gehören. Während bei Führungskräften in der digitalen Arbeitswelt im letzten Jahr insbesondere die technischen Skills und agiles Handeln zu den Top-Herausforderungen zählten, ist nun die soziale Komponente von höchster Priorität. Die Herausbildung einer positiven Fehlerkultur im digitalen Umfeld, die Stabilisierung und Weiterentwicklung der Identifikation von Mitarbeitenden mit der Unternehmenskultur und auch das Sicherstellen von Produktivität sind aktuelle Baustellen beim Digital Leadership. All diese sozialen und arbeitstechnischen Komponenten können nur mithilfe von verständlichen und genau definierten Zielen vereint werden.

Homeoffice: Was sind die Pro und Contra?

Die Produktivität sinkt im Homeoffice? Dann ist es im Digital Leadership elementar, in 1:1 Gesprächen mit den Mitarbeitenden gemeinsame Meilensteine zu setzen und diese regelmäßig gemeinsam zu evaluieren und anzupassen. Aufgrund von Virtualität leidet die gemeinsame Vision der Mitarbeitenden? Dementsprechend müssen Führungskräfte auf Teambuilding setzen und mithilfe von Workshops das Gemeinschaftsgefühl im Team stärken. An dieser Stelle steht eine Frage jedoch besonders prägnant im Raum:

Kreativität und Virtualität – gut machbar oder Ausschlusskriterium


Teambuilding-Veranstaltungen im Online-Umfeld können selbstverständlich dabei helfen, die Vision und Mission eines Unternehmens bei den Mitarbeitenden wieder präsenter zu machen. Inzwischen gibt es viele digitale Tools, die Kreativität befeuern und auch für Brainstormings bestens geeignet sind. Allerdings ist das zentrale Element von Teambuilding das Gemeinschaftsgefühl. Dahingehend kann Kreativaustausch auf Miro, Trello & Co nicht mit gemeinsamen Workshoptagen in Präsenz, inklusive Raum für persönliche Konversation, mithalten. Die letzten zwei Jahre haben bewiesen, dass Virtualität für Agilität und Flexibilität funktioniert – doch bezüglich der Kommunikation von Unternehmensidentität, dem Herzstück für die Identifizierung mit den Arbeitgeber:innen, sollte das Homeoffice gegen den Arbeitsplatz vor Ort getauscht werden.

Falls Sie Interesse an einem Coaching oder Workshop haben, rufen sie mich an.